Advent & Weihnachtsmärkte, Schweiz, Winterurlaub

Winterliches Brauchtum der italienischen Schweiz

Vor allem zur Adventszeit werden im Tessin alte Traditionen lebendig. Die südländische Seele der Region gepaart mit mitteleuropäischem Brauchtum führt zu einzigartigen Erlebnissen – sowohl kulinarisch als auch kulturell. Zum Ende des Winters hin schließlich verwandelt sich die Kantonshauptstadt Bellinzona in eine Hochburg der Narren. Zur Fastnacht, die dort „Rabadan“ heißt, feiern über 150.000 Menschen ausgelassen in den Straßen und Festzelten der Stadt. Damit beherbergt Bellinzona nach Basel den größten Karneval der Schweiz.

Karneval – im Reich von König Rabadan
Zur Faschingszeit wird Bellinzona zur Karnevals-Hochburg. Anlässlich der Fastnacht, im Tessin „Rabadan“ genannt (Bedeutung im Piemonteser Dialekt „Lärm“), feiern über 150.000 Menschen ausgelassen auf Straßen und in Festzelten. Damit veranstaltet Bellinzona neben Basel und Luzern eines der größten Karneval-Events der Schweiz. Das närrische Treiben beginnt am Schmutzigen Donnerstag (28. Februar 2019), wenn Bellinzonas Stadtpräsident die Schlüssel der Stadttore an König Rabadan übergibt. Danach haben im Tessiner Kantonshauptort fünf Tage lang die Narren das Sagen. Höhepunkt ist der Umzug am Faschingssonntag. An diesem sogenannten „Corteo mascherato“ nehmen über fünfzig Wagen und Gruppen teil. Elementare Bestandteile des „Rabadan“ sind ferner Maskenwettbewerbe, Seilziehturniere, Konzerte und ein Risotto-Essen. Für Speis und Trank wird in zahlreichen Festzelten mit Platz für über 40.000 Personen gesorgt. In der „Festhütte Bellinzona“ zum Beispiel wird bis in den Morgen hinein gefeiert. www.rabadan.ch

Presepi a Vira – kunstvolle Krippentradition
Zur Weihnachtszeit werden in vielen Tessiner Dörfern Krippen ausgestellt, welche die Weihnachtsgeschichte bildhaft darstellen. Ein Brauchtum, das die Anwohner von Vira Gambarogno mit ihrer Krippenausstellung „Presepi a Vira“ seit bald einem Vierteljahrhundert auf ganz besondere Weise pflegen. So sorgen vom 9. Dezember 2018 bis zum Dreikönigstag am 6. Januar 2019 über dreißig Krippen in den Gassen und Plätzen von Vira für heimelige Weihnachtsstimmung am Lago Maggiore. Erstellt werden die Krippen sowohl von Künstlern als auch von kreativen Privatpersonen. Eine Ausstellung unter freiem Himmel, die die Zeit stehenbleiben lässt und zum Innenhalten einlädt. www.ascona-locarno.com
Vom Glockenturm der Kirche Santa Maria del Sasso in Morcote/Tessin wird von Einheimischen und Gästen alljährlich vor Weihnachten ein musikalischer Gruß in die Nacht geschickt.

Biciocada – alljährliche Adventsfeier im Glockenturm
Das am Luganer See gelegene Dörfchen Morcote ist auch im Winter eine Reise wert. Besonders in den neun Tagen vor Weihnachten. Denn vom 16. bis 24. Dezember wird hier eine spezielle Weihnachtstradition gepflegt. Wiederbelebt wurde sie 1977 vom Pensionär Giuseppe „Pepo“ Ardizio und einer Gruppe von Freunden. Seither treffen sich alljährlich ab dem 16. Dezember abends um 20.30 Uhr Einheimische und Gäste im Glockenturm der Kirche Santa Maria del Sasso in Morcote. Abwechselnd wird dann per Hand die Glocke geläutet und so ein musikalischer Gruß in die winterliche Nacht geschickt. Dazu werden in der gemütlichen Stube am offenen Kaminfeuer Würste gegrillt. Käse, Salametti, Tessiner Wein und geselliges Beisammensein gibt es obendrein. www.morcoteturismo.ch

Epifania – Dreikönigsfest im Tessin
Mit dem Dreikönigstag gehen im Tessin die Feierlichkeiten zum Jahreswechsel zu Ende, ein Festausklang, bei dem sowohl süd- wie auch mitteleuropäische Traditionen eine wichtige Rolle spielen. Weit verbreitet ist das Dreikönigs- oder Sternensingen, das seit 2012 auch in der Liste der „Lebendigen Traditionen der Schweiz“ aufgeführt ist. Hierbei ziehen Schüler als Heilige Drei Könige von Haus zu Haus und singen alte und neue Dreikönigslieder, darunter auch religiöse Weisen aus dem 17. Jahrhundert. In einigen Tessiner Dörfern wie Morcote, Vira Gambarogno, Arzo oder Castel San Pietro kommen Kaspar, Melchior und Balthasar an diesem Tag hoch zu Ross und verteilen auf dem Kirchplatz Süßigkeiten an die Kinder. Besonders beliebt ist der Ritt der Könige im Val Capriasca bei Lugano, der bereits am 5. Januar stattfindet. Kinder der Region weisen den verkleideten Männern den Weg ins Kapuzinerkloster von Bigorio, welches die Heiligen Drei Könige feierlich empfängt. Anschließend findet in der Kapelle eine Messe statt.

Neben den Heiligen Drei Königen kommt zu diesem Festtag im Tessin auch die Befana zu Besuch, eine mythische Figur, die vor allem im benachbarten Italien beliebt ist. Der Name Befana stammt von Epifania ab, dem Kirchenfest der Heiligen Drei Könige. Dem italienischen Volksglauben nach ist sie eine gute Hexe, die in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar mit ihrem Besen von Haus zu Haus fliegt und die bereitgestellten Strümpfe der Kinder mit Geschenken und Leckereien füllt. Sie soll einst vom Hirten die Botschaft der Geburt Jesu gehört haben. Der Stern von Bethlehem sollte sie zur Krippe führen, doch da sie zu spät aufbrach, war der Stern bereits erloschen. Der Sage nach fliegt sie deshalb heute noch durch die Gegend und beschenkt Kinder in der Hoffnung, dass eines davon das Christkind sei.
Tradition am Lago Maggiore – am 6. Januar findet das alljährliche Drei-Königs-Schwimmen statt, bei dem Teilnehmer eine achtzig Meter lange Strecke im Hafenbecken von Brissago/Tessin zurücklegen. Bildnachweis: Ti-Press/Pablo Gianinazzi

Eine neuere Tradition für Hartgesottene ist das erfrischende Bad im Lago Maggiore am 6. Januar. Die „Nodada della Befana“, wie das Drei-Königs-Schwimmen im Tessiner Dialekt heißt, fand erstmals in 2001 statt. Elf Wagemutige sprangen damals ins kalte Wasser des Lago Maggiore. Mittlerweile nehmen Dutzende von Personen aus dem In- und Ausland an dem Volksschwimmen teil und durchqueren dabei eine achtzig Meter lange Strecke im Hafenbecken des Grenzdorfes Brissago. Dem Tag angemessen wird dabei anstatt Badekappe gerne eine Königskrone aufgesetzt. Erfahrungsgemäß ist das Wasser des Sees zu dieser Jahreszeit meist wärmer als die Luft. Ins Schlottern gerät man dabei dennoch. www.ticino.ch
Foto (download): Tradition am Lago Maggiore – am 6. Januar findet das alljährliche Drei-Königs-Schwimmen statt, bei dem Teilnehmer eine achtzig Meter lange Strecke im Hafenbecken von Brissago/Tessin zurücklegen.

Crèfli und Spampezie – süße Traditionen der Leventina
Traditionelles Tessiner Weihnachtsgebäck sind die Spampezie aus der Leventina. Der Name geht vermutlich auf das italienische Wort für Lebkuchen zurück „Pan di Spezie“. Zutaten sind Mehl, Butter, Honig, gehackte Nüsse und eine wohlschmeckende Gewürzmischung. Zur Herstellung der Spampezie, in abgeänderter Form auch Crèfli genannt, werden Backformen aus Nussbaumholz mit eingeschnitzten Dekorationen verwendet. Hauptmotive bildeten seit jeher religiöse Themen wie die Heiligen Drei Könige, Sterne oder Fische aber auch Familien- und Gemeindewappen. Jeder Haushalt des Tals hatte sein eigenes Rezept, mit dem die Bauern-, Industriearbeiter- und Eisenbahnerfamilien der Leventina das Traditionsgebäck einst zu Weihnachten und Neujahr oder an Kirchweihfesten als stärkenden Imbiss für die kalte Jahreszeit erstellten. Heute findet man die süßen Spezialitäten das ganze Jahr über in Bäckereien der Leventina, wie beispielsweise der Panetteria von Renato Schröder in Chiggiogna, die Spampezie noch nach alten Rezepten zubereitet – mit vielen Nüssen und ordentlich Grappa. www.spampezia-faido.ch
AHM

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